Mein Fazit zum Iran

Der nahe Osten war für mich stets eine fesselnde Region und als wir uns für die südliche Route durch den Iran entschieden, warf dies einige Fragen auf. So befasste ich mich vor der Abreise vor allem mit jenem Land. Als Vorbereitung las ich bereits zwei Bücher über den Iran. Einerseits getrieben von einer gewissen Angst, andererseits auch aus Neugierde zur Kultur und Geschichte. Ersteres war der klassische Reiseführer, wo man über Reisebestimmungen, Attraktionen und Verhaltensregeln einiges erfährt. Das Zweite zielte schon eher in unsere Richtung, worin ein deutscher Journalist seine 2-monatige Backpacker-Reise durch den Iran dokumentierte und vor allem über das Leben der iransichen Bevölkerung schreibt. Jenes hat mir vor allem die Angst genommen und mein Interesse noch mehr geweckt, denn sein Fazit fiel äusserst positiv aus. Zumindest was die Bevölkerung angeht. Die politische Führung unter dem Islam als oberstes Gericht ist eine andere Sache. Doch dazu später.

In jedem Fall aber sollte man sich auf eine Reise in den Iran gut vorbereiten. Nicht dass man Angst haben sollte, vielmehr fährt man deutlich besser wenn man den Geist des Volkes bereits ein bisschen kennt. Eines vorneweg, der Iran ist mit Sicherheit kein Land wo man Angst vor Terrorismus haben muss, es gibt nicht mal eine nennenswerte Organisation in diesem Land. Vielmehr sagt der Iran dem Terror den Kampf an wie kein zweiter im nahen Osten.

Der Iran ist mittlerweile einer der einzigen Gottesstaaten der Welt und der Grossteil der Bevölkerung lebt den schiitischen Islam, wobei sie das einzige Land sind, wo dieser die Überhand über dem sunnitschen Islam hat. Das erklärt bereits einiges zur politischen Absonderung zu anderen Ländern. Zweitens sind die Iraner immer noch ein wenig gekränkt, dass man sich im zweiten Golfkrieg gegen sie gewendet hat und die meisten Staaten sich stattdessen für den Irak unter Sadam Hussein stark machten. Dies wird auch heute noch als Machtmittel gegen eine Annäherung zum Westen verwendet. Hauptgrund für dieses negative Weltbild und diese Isolierung sind die beiden Revolutionsführer Khomenei und sein Nachfolger Chamenei. Jene beiden Herren sorgten dafür, dass sich der dazumal in den 80er-Jahren ausgeschlossene Staat zurückentwickelte. Alles unter dem Vorwand des Glaubens, womit sie mit Angst das Volk für sich gewinnen konnten. Natürlich hat im Anschluss der im Westen durchaus prominentere Ahmadinedschad auch noch das Nötige dazu beigetragen.

 

Hier einige Bestimmungen aus jener Zeit, die heute noch gelten:

  • Für Frauen ist es Pflicht, Kopftuch zu tragen, bestenfalls aber eine Burka. Männer hingegen müssen stets lange Hosen tragen. (Im Iran wurde übrigens mit 70,2 °C der Temperatur-Rekord weltweit gemessen, so by-the-way) Ansonsten gibt es Bussen oder gar Haftstrafen.
  • Wer sich dem Islam abwendet, gilt als Ungläubiger und es droht die Todesstrafe. Wenn man sich jedoch wieder zurückbekennt, kann man sich einfach davonretten.
  • Alkohol und Sex vor der Ehe sind strengstens verboten. Für Alkohol gibt es Peitschenhiebe. Allerdings sind jene gemäss Erfahrungsbericht weniger schlimm als die in Saudi-Arabien, denn der Peitscher muss während dem Auspeitschen den Koran unter dem Arm eingeklemmt haben.
  • Das Internet ist unter Zensur und berühmte Seiten wie Facebook und Co. sind komplett gesperrt.
  • Wer einen anderen Menschen tötet, egal welchen Ursprungs, wird selbst zum Tode verurteilt. Es sei denn, die betroffene Familie vergibt dem Täter.
  • Man darf keine ausländischen Gäste aufnehmen. Backpacking ist verboten und führt im schlimmsten Fall zum Entzug der Arbeitsbewilligung.
  • Iraner können kaum ins Ausland reisen, vor allem Europa und die USA gestalten sich als besonders schwierig. Einzig die Türkei, Armenien oder Azerbaidjan sind vergleichsweise einfach. Natürlich haben reiche Iraner weniger Hindernisse. Wer flüchtet, ist Landesverräter und darf nie wieder zurück in den Iran.
  • Musik machen ist für Frauen im Iran nicht gestattet. So hört man durchgehend nur Männer trällern. Auch Frauenmusik zu hören, gehört nicht zu den Gepflogenheiten.

 

Jedes Geschäft muss als mindestens ein Foto der beiden geistlichen Führer Khomeini und Chamenei aufgehängt haben. Zudem sind die beiden betagten Herren allgegenwärtig im Iran. Bereits am Zoll wird man mit finsteren Minen auf Plakaten empfangen. Dies zieht sich durch das ganze Land. Es gibt kaum ein Plakat im Iran wo die beiden Bärtigen Greise nicht herunterglotzen. Ganz im Sinne von: „Passt auf liebe Iraner, wir haben ein Auge auf euch.“

Wer nun denkt, die Iraner halten sich an diese Gesetzgebungen und lassen sich so unterkriegen, täuscht sich gewaltig. Zwar wird der Glaube durchaus gelebt und auch auf offener Strasse wird kaum gegen das Gesetz verstossen. Sind die Iraner aber erstmal in den eigenen vier Wänden, fallen die Hüllen und man macht was man will. Dies erklärt auch, weshalb die iranischen Häuser stets von grossen Mauern umgeben sind und die Fenstergläser oftmals getrübt sind. Dahinter trinken die meisten Jugendlichen Alkohol, oft selbst gebrannt, und auch Kiffen ist hoch im Trend. Praktisch jeder hat Facebook und umgeht die Zensur mit Programmen und auch das Kopftuch haben wir oft fallen sehen. Auch die Vielweiberei ist im Iran ein Begriff. So wird man als Ausländer auch stets auf die genannten Punkte angesprochen und oft ist das erste Einladungsargument der Alkohol. Allgemein sind vor allem die jungen Iraner der Meinung dass wir Westler von morgens bis abends saufen, dazu 7 Freundinnen auf dem Schoss haben und dies im Anschluss auf Facebook posten. Natürlich ist dieses Image vor allem durch Videoclips und Filmen aus unseren Sphären entstanden und was bekanntlich verboten ist, wird interessant. Zu vergleichen mit unserem Bild von Amsterdam, wo wir denken dass die ganze Bevölkerung durchgehend High durch die Weltgeschichte läuft.

Wie bereits etliche Male in den Tagesberichten erwähnt, sind die Iraner wohl das gastfreundlichste Land auf Erden. Mit ein bisschen Wehmut haben wir nun den Iran verlassen und sind uns sicher, dass wir nirgends mehr auf solch ein Volk treffen werden. Die Iraner sind richtig herzensgute Menschen und möchten nie eine Gegenleistung für ihre Hilfe. Besonders süss waren auch die Kleinkinder. Als die Nachbarskinder hörten, dass Schweizer in der Gegend wären, machten sie für jeden von uns ein Armband. Wir haben mit kleinen Abstrichen nur gute Erfahrungen gemacht, wodurch sich in unserem Fall mit der Familie aus Teheran sogar eine gute Freundschaft ergeben hat. Schlechte Begegnungen gab es höchstens mit Regierungsangestellten oder weil einige junge Menschen uns zu frenetisch empfingen.

Auf jeden Fall muss man sich auf keinen Fall vor dem Iran fürchten. Höchstens die Grenzregionen zu Pakistan, Afghanistan und Irak sind laut unseren Informationen zu meiden. Klar, man muss den nötigen Respekt mitbringen und sich an die Vorschriften halten. Zumindest im öffentlichen Raum. Hinter den massiven Grundstücksmauern kann man sich ganz wie Zuhause fühlen und dieses Gefühl geben einem die Iraner auch.

Auch kulturell hat das Land so einiges zu bieten. Das alte Persien hinterließ der Nachwelt einen riesigen Schatz aus einer der spannendsten Zeitepochen.

Es ist zu hoffen, dass das junge iranische Volk den Mut packt und sich den Widrigkeiten im eigenen Land entgegensetzt. Eine Chance darauf besteht sicherlich, wenn Übervater Chamenei (Khomeini hat bereits ins Gras gebissen) das Zeitliche segnet.

Dies alles ist lediglich meine eigene Einschätzung aufgrund meiner Erfahrungen im Iran.

 

Bereist den Iran

Durch das Atomabkommen zwischen den westlichen Wirtschaftsstaaten und dem Iran wird eine Reise ab dem nächsten Jahr wohl deutlich einfacher. Man erwartet, dass der Tourismus wohl um das vierfache anwächst.

Iraner sind sich dessen getrübten Image bei uns durchaus bewusst und wir haben das Gefühl, dass wir vor allem so gut aufgenommen wurden weil wir uns selbstständig und alleine auf die Reise in ihr Land gemacht haben. Mit einer Reiseführung hätten wir wohl kaum solche Bekanntschaften gemacht. Immer wieder wurden wir angesprochen, wieso dass wir ausgerechnet hierhin kommen, wo doch sonst keiner hierher kommt. Unser Tipp: Montiert das Touri-Starterpacket (Hawaii-Hemd, Mallorca-Sonnenbrille, Fischerhut und bestenfalls blondes Haar), setzt euch in den Flieger nach Teheran, steht an die erstgrössere Kreuzung, schaut ratlos in die Weltgeschichte hinaus und wartet ab. Nach kurzer Zeit wird jemand auf euch zukommen und euch helfen.

Die Iraner werden euch im Anschluss den bestmöglichen Urlaub in ihrem Land bescheren.

Samuel

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