Tag 27 – 31 (12.08. – 15.06.2015) – Turkmenistan

Turkmenistan – ein Land der Gegensätze

Turkmenistan war eines der Länder, bei dem wir vorgehend eher negative Informationen erhielten. Es wurde uns empfohlen, das Land mit Vorsicht und relativ zügig zu passieren. Turkmenistan ist eine reine Diktatur und das Volk wird zur Aussenwelt praktisch abgesondert. Glaubt man einem Weltwochen-Artikel, ist das Land gemäss dem Zitat: „Nordkorea ist geradezu heiter im Vergleich zu Turkmenistan“, wirklich nicht bereisenswert. Wirklich positiv stimmte uns dies zwar nicht, aber da man Afghanistan und Pakistan wohl lieber auslässt kommt halt dann doch nur Turkmenistan in Frage, insofern man sich für die südliche Route entscheidet. Auch die Erfahrungen im Vorfeld und der Zollübertritt nahmen uns diese Vorurteile nicht wirklich. So bekamen wir beispielsweise höchstens ein 4-tägiges Transit-Visa wobei Einreise-und Ausreisedatum fix bestimmt waren. Wenn man es also nicht an diesem Tag X packt, kann man zurück nach Hause fahren. Das mühselige Zollprozedere hat Roger im vorhergehenden Text bereits geschildert. Auf jeden Fall trifft einen nach dem Grenzübertritt erstmals der Schlag. Man wird nämlich von einer nigel-nagel-neuen 3-spurige Schnellstrasse empfangen. Um 2 Uhr waren wir allerdings die allerersten Touristen des Tages und sozusagen die ersten Benutzer. Danach kommt es noch dicker. Da der Zoll auf einem Berg liegt, fährt man danach hinunter in Richtung Hauptstadt Ashgabat. Bereits nach 20km türmt sich eine komplett in weis gekleidete Stadt auf. Fährt man im Anschluss in die Stadt hinein trifft einen ein Kulturschock sondergleichen. Von eher minder entwickelten iranischen Städten stösst man auf das Wüsten-Bijoux Ashgabat.

Links und rechts der Strassen ragen hohe, prunkvolle, ja fast kitschige Paläste. Einer „schöner“ und extravaganter als der Andere, und alles mit ganz viel Gold bekleckert. Ashgabat ist das Hobby von Diktator Turkmenbashi (der im übrigen dann auch von jedem Gebäude herunterwinkt) und dessen verstorbenem Vaters. Nach einem Erdbeben hat dieser eine komplett neue Stadt aus dem Boden gestampft. Beispielsweise ist im Moment der Bau des neuen Olympia-Stadion in vollem Gange. Kein Mensch weiss, wieso „Olympia-Stadion“, denn eine solche wird es hier in absehbarer Zeit wohl kaum geben und zweitens ist zu erklären, dass das alte Olympia-Stadion erst 2002 errichtet und nun wieder abgerissen wurde. Und wie so oft, wenn eine Stadt auf dem Reisbrett entstanden ist, leidet danach das Stadtleben gewaltig. In Ashgabat ist nicht mal von Stadtleben zu sprechen, denn es ist praktisch Inexistent. Die einzigen, die sich auf den Gehsteigen befinden, sind Polizisten, doch von diesen hat es dann auch genügend. So ist jede Kreuzung in der ganzen Stadt von mindestens einem Polizisten bewacht. Allgemein sind gefühlt zwei Drittel der Turkmenen Polizisten. Zürich oder Luzern sind Moloche und Drecksstädte im Vergleich zu turkmenischen Hauptstadt. Hier sucht man vergeblich nach nur einem kleinen Stück Abfall oder irgendwas, was nicht da sein sollte, wo es ist. Sogar die Ampeln sind verchromt und durchdesignt. Wohl ein Traum für jeden Architekten der hier arbeiten darf. Auch zu erwähnen ist, dass sich die Stadt inmitten von Wüste und Steppe als erstaunlich grüne Oase zeigt. Turkmenistan pumpt das meiste seines Wassergebrauchs vom Aralsee in Usbekistan und Kasachstan ab und zwängt so der Wüste das Grüne auf. Bekanntlich ist der Aralsee aufgrund seines Austrocknens Sinnbild für die Klimaerwärmung. Jein, wie wir nun wissen, denn der Nachbarstaat Turkmenistan trägt einen erheblichen Anteil dazu bei.

Wir fragten uns, wem der liebe Herr Turkmenbashi dies alles zeigen will, denn gegen Touristen wehrt er sich ja vehement und das Volk wird wohl auch minder begeistert sein, indem sie sehen wie ihre Steuergelder verschleudert werden. Wer nämlich nun denkt, Turkmenistan wäre ein Staat der Reichen, liegt 180 Grad falsch. Weiter abseits, in Hütten, haust dann die richtige Bevölkerung von Ashgabat. Auch das Suchen nach einem preiswerten Hotel erwies sich als schwierig, denn das günstigste Hotel für 2 Personen war 50 Dollar, wobei man in der Nacht aufgrund des Gebäudezustandes wohl Todesängste ausstehen muss. So konnten wir nicht anders und gingen für einmal in einen 5-Sterne-Tempel. Einzig gutes in Ashgabat, es gab wiedermal ein kühles und legales Feierabendbier. Stets in Begleitung von Präsident Turkmenbashi, der allgegenwärtig von den Wänden glotzt. Oftmals mussten wir uns ein Lachen verkneiffen, den das Staatsoberhaupt ist ein Meister der Selbstdarstellung und ein Narzisst durch und durch. So sind zum Beispiel sämtliche Jahreskalender ausgerüstet mit Bildern von seiner Wenigkeit. Turkmenbashi beim Pferde reiten, Turkmenbashi beim Jagen, Turkmenbashi mit anderen Staatsoberhäupter oder Turkmenbashi mal ganz volksnah.

Nach einer Nacht im luxuriösen Grand Hotel Turkmen verliessen wir diese bizarre Stadt um die Wüste zu durchqueren. Versorgt mit Kanistern voller Wasser und Benzin wagten wir uns in das klimatisch und topographisch wohl heikelste Gebiet unserer noch jungen Reise. Denn die rund 500km lange Wüste ist frei von Tankstellen und ist nur mit einem kleinen Dörfchen auf halber Strecke bestückt. Auch landschaftlich ändert sich alles relativ schnell. Keine 5km nach Ashgabat werden die Strassen deutlich schlechter, die Vegetation bleibt aus, und der Wohlstand sinkt beträchtlich.

Um so weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, desto dürftiger wird die Fahrunterlage und die Schlaglöcher werden zahlreicher und grösser. Das Fahrwerk unseres Pandas hat so auch deutlich gelitten, denn bei der kleinsten Unachtsamkeit trampt man in die Falle.

Umso imposanter war aber die Wüste darum, denn diese steht zumindest optisch in gewissen Abschnitten der Sahara in nichts nach. Auch die freilebenden Kamele und Dromedare passen perfekt in dieses Bild. Der Thermometer kletterte dann auch über die 40°C-Marke hinaus.

 

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Wüste in Turkmenistan
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Wüstenrast in Turkmenistan

Nach der Hauptstadt hat Turkmenistan wohl nur noch eine berühmtere Touristenattraktion, nämlich das „Gate to Hell“ in Derveza. Derveza ist das genannte Dörfchen in der Mitte und das Gate to Hell ein Überbleibsel aus Gasexperimenten. Vor rund 40 Jahren ist russischen Gasforschern hier ein Unglück passiert und aus einem Krater strömte unermüdlich Gas. Um Unfälle zu vermeiden wurde das Gas angezündet und brennt heute noch. Unwahrscheinlich, wenn man sich vorstellt, dass hier bald ein halbes Jahrhundert Tag und Nacht ein ganzer Krater vor sich hin brennt. Das Gate to Hell ist dann aber keineswegs touristisch ausgebaut und eine befahrbare Strasse sucht man vergebens. Als wir nach ein paar Anläufen mit unserem Panda keinen Erfolg verbuchen konnten und uns immer wieder spuhlend in den Sanddünen wiederfanden, fuhr uns ein Jeep aus dem Dorf zum Krater. Als wir bereits in der Dunkelheit dort ankamen, erwartete uns ein riesiger Zufall. Denn zwei weitere Teams der Mongolrally machten auch mitten in der Wüste Rast. Und das Eine war gar ein Schweizer Team aus Zürich und dann erst noch mit einem Fiat Panda. Die Sympathie bestand relativ bald und wir stellten unser Nachtlager bei ihnen auf.

Das Gate to Hell ist nachts einiges spektakulärer anzusehen, denn der Lichtkegel am Horizont sieht man bereits aus weiter Ferne und grelle Flammen lodern in der Dunkelheit. Rund hundert Meter davon entfernt riecht es plötzlich verdächtig nach Gasgrill und warme Luft strömt einem entgegen.

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Das Gate to Hell in der Nacht

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Am nächsten Tag ging es im Konvoi an die zweite Wüsten-Etappe und die Wasser-Reserven schwanden durch den unbändigen Durst in der Nacht beträchtlich. So war der Plan, möglichst rastlos in das ferne Doquez zu kommen. Leider kam es ganz anders. Nach gut 50km erwischten wir wiederholt ein Schlagloch was dann eines Zuviel für unseren Panda war. Plötzlich ging gar nichts mehr und der Motor stellte ab.

Wir habens geschafft – Wir haben den mit Abstand den dümmsten Ort für eine Panne erwischt.

Aber kein Trübsal blasen, denn nun war Mech Gabriel gefragt. Dessen erste Vermutung war alles andere als berauschend. Da nichts mehr surrte, tippte er auf einen Defekt der Benzinpumpe. Also: Tank weg und Benzinpumpe abmontieren – Negativ oder bessergesagt positiv. Denn mit einem solchen Defekt hätten wir 0 Chance gehabt. Bald war der Fehler in der Elektronik festgestellt, doch bis man nun das entsprechende Sündenbock-Kabel gefunden hat, vergeht viel Zeit. Glücklicherweise hatten wir mit Oli aus dem Zürcher Team einen richtigen Panda-Jünger zur Hilfe, dieser besitzt nämlich fünf Fiat Pandas und schwört auch Zuhause in der Schweiz nur auf die hübschen Italiener. Zusammen probierten sie den Fehler zu eruieren, was lange zu keinem Erfolg führte. Erst nach 2 Stunden tüfteln und probieren an der prallen Sonne kam Oli der Gedankenblitz. Ärgerlicherweise war der Fehler simpler als gedacht, denn durch die grosse Erschütterung wurde der Unfallknopf aktiviert, der die ganze Elektronik ausschaltet. Einmal gedrückt und der Panda schnurrte wieder wie ein Kater. Zumindest der Motor, denn der linke vordere Stossdämpfer hatte den Aufprall leider nicht überlebt und mehr schlecht als recht ging es weiter. Doch der Zwischenfall fuhr uns doch sehr ein und wir wussten einmal mehr, wie wichtig es ist, solche Dinge zu vermeiden. Man kann von Glück reden, dass wir gerade in diesem Moment zwei Teams als Hilfe hatten. Auf wackeligen Rädern machten wir weitere 150km bis plötzlich das Spanier-Team stecken blieb. Bei ihnen war auch das Fahrwerk der Schwachpunkt und die hintere Federung ging diesmal in Brüche. Die Wasserreserven waren mittlerweile aufgebraucht und wir mussten erstmals zu unseren Wasser-Reinigungstabletten greifen um abgestandenes Tank-Wasser zu trinken. Da sich der Vorfall wieder in die Länge zog, entschieden wir uns auf Wassersuche zu gehen und fanden bekamen tatsächlich von der berühmt berüchtigten turkmenischen Polizei Hilfe. Und dies gar ohne Gegenleistung. Nach rund einer Stunde ging es weiter obwohl es bereits zu dämmern begann. Das Tempo wurde angesichts der Ereignisse deutlich gedrosselt und wir tuckerten mit einem Schnitt von 25 km/h bis tief in die Nacht hinein in Richtung Zivilisation. Obwohl zu sagen ist, dass auch nicht viel mehr drin gelegen wäre, denn diese Unterlage hatte den Namen Strasse definitiv nicht verdient. Jedoch ist dies die einzige Strasse in Turkmenistan durch die Wüste und sozusagen die Nord-Süd-Achse. Aber Turkmenbashi fliegt ja lieber Helikopter und braucht nur in seinem Ashgabat leere mehrspurige Strassen mit Flüsterasphalt. Soviel zu den Gegensätzen in diesem Land.

Nach einem langen und nervenaufwühlenden Tag schlugen wir unsere Zelte auf. Nicht der beste Tag an der Rally.

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