Tag 49 – 56 (03.09. – 09.09.2015) – Kasachstan

Kasachstan – Borat ist wohl eher Rumäne

Kasachstan war uns wie wahrscheinlich ziemlich allen Westeuropäern vor der Einreise auch nur durch die Ami-Komödie „Borat“ ein Begriff. Eines vorneweg, Borat ist kaum repräsentativ für dieses Land. Vielmehr Rumänien oder Usbekistan assoziiert man vom Leben- und Baustil mit diesem Film. Ansonsten ist Kasachstan wahrscheinlich das unbeliebteste Land der Rallyaner wie vielen Foren zu entnehmen ist. So führt die Südroute zwingend und oft auch die Nordroute durch das zweitgrösste Ex-Sowjetland. Ein Land also, welches sich praktisch alle Teams irgendwie vorknüpfen müssen. Viel Papierkram, schwierige Grenzübertritte, korrupte Polizei und unendlich lange Wüsten und Steppen mit schlechten Strassen waren die überwiegenden Schlagwörter der Internet-Beiträge.

Kasachstan ist der grösste Binnenstaat der Welt und ist von der Grösse nahezu mit Europa zu vergleichen. Wir haben die zwei grössten Städte plus die Süd-Nord-Route abgefahren – Thats it! Trotzdem würden wir Kasachstan keineswegs empfehlen, vor allem wenn man die vorhergehenden Staaten gesehen hat. Definitiv hat Kasachstan seine schönen Seiten, man muss dafür aber weit suchen. Mit einem regnerischen Starttag war unser erster Eindruck auch etwas getrübt und nach einer wunderschönen Bergkulisse in Kirgisistan findet man sich hier in der flachen Steppe wieder. Zu unserer Überraschung war der Grenzübertritt aber einer der angenehmeren Sorte. Dies hat wohl auch mit dem frischen Visum-Gesetz zu tun, welches besagt, dass sowohl Deutsche (Gabriel) wie auch Schweizer den Staat ohne Visum bereisen können. Nach dieser kurzen Prozedur fuhren wir rund 3 Stunden in das nahegelegene Almaty. Almaty ist die alte Hauptstadt von Kasachstan und gilt als europäischste Stadt in Zentralasien. Ausserdem war die Stadt in der westliche Hemisphäre aktuell vor allem durch den kürzlich gestellten Olympia-Antrag ein Thema. Hier lieferte man sich mit Peking ein Kopf-An-Kopf-Rennen, in welchem man letztendlich dann aber den Kürzeren zog, obwohl hier eigentlich alles bereit gewesen wäre, wie wir finden.

Almaty liegt am Fuße des kirgisischen Gebirges und glänzt mit seiner ausgezeichneten Infrastruktur in Sachen Wintersport. Mitten in der Stadt befinden sich beispielsweise zwei Ski-Sprung-Schanzen mit darum liegenden Eishallen. Fährt man den Hausberg hoch, entdeckt man ein hochmodernes Skigebiet mit allem drum und dran.

DSC01351
Almaty ist Austragungsort vieler Winterspiele
DSC01356 Kopie
Gebirge über Kirgistan. Links im Bild die moderne Gondelbahn

Aber zurück zum europäischen, denn alles andere war uns Anfangs eigentlich ziemlich egal. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehnlichst wir uns einen McDonalds oder einen Burger King gewünscht haben. Seit der Türkei sucht man einen solchen Fast-Food-Riesen nämlich umsonst. Und hier kamen wir nach über einem Monat Entzug endlich wieder auf unsere Kosten. Und Wie! In Almaty findet man wirklich alles was es auch bei uns gibt. Shoppi Tivolis gibt es hier wie Sand am Meer. Die Almatier können dies aber auch bezahlen. Denn hier ist keine Spur von Armut. Hier fährt praktisch jeder ein Luxus-Schlitten, vor allem für protzige SUV haben die Kasachen eine besondere Vorliebe. Auch verabschieden konnten wir uns vom günstigen Lebensstil der letzten Länder. Hier kostet alles in etwa dasselbe wie bei uns in der Schweiz. Wir nahmen uns also ein günstiges Hotel am Stadtrand und machten uns mit dem Taxi in die Innenstadt. Der Fahrer hatte sichtlich Spass an ein paar Touris und zeigte seine Skills in Sachen Rasen-in-der-Innenstadt. Eigentliches Ziel war ein Bancomat und neue Arznei-Mittel, aber daraus wurde nichts, denn der Taxifahrer bot sich an, uns die ganze Stadt zu zeigen. Da wir an einem solch verregneten Tag sowieso nichts besseres zu Tun hatten, willigten wir ein. Nach einer Spritztour ins Finanzzentrum und in das oben genannte Skigebiet kam uns auch wieder in den Sinn, wofür wir eigentlich nach Almaty gingen. In Kasachstan muss man sich innerhalb von fünf Tagen bei der örtlichen Migrationspolizei registrieren lassen. Bringt eigentlich nichts, muss aber zwingend sein. Unsere Vorfahren, die Pandanauten, machten genau diesen Fehler vor 2 Jahren und wurden 6 Tage unter Arrest gestellt. Erst nach einer Busse in der Höhe von 3000 Dollar konnten sie wieder ausreisen. Umso mehr waren wir also bestrebt, dies möglichst bald zu erledigen. Leider gestaltete sich dies wiedermal aufwändiger als gedacht, denn auch unser Taxifahrer hatten keine blassen, wo sich dieses Büro befindet. Oft findet man bei solchen Problemen in Luxushotels Rat oder Hilfe. So suchten wir den erstbesten Palast auf und wurden prompt fündig. Gegen ein Entgelt von 100 Dollar würden sie am nächsten Tag mit unseren Pässen aufs Amt gehen und dies erledigen. Hieß für uns: ein weiterer Tag in Almaty und im Anschluss etwas Druck für die kommenden Tagesziele. Am nächsten Tag sah dann die Geschichte noch etwas düsterer aus. Aufgrund des Wochenendes würde das Ganze auf den Montag verschoben, es sei denn, man hat während diesen zwei Tagen ein Flugticket zurück. Und da uns ja bekanntlich das Glück während dieses Abenteuers förmlich an den Füssen oder bessergesagt an den Reifen klebt, ging auch dieses Mal wieder ein Türchen auf. Der Hoteldirektor Himself besorgte uns beim Flughafen gefälschte Flugtickets um dieses Problem zu lösen. So konnten wir einen weiteren Tag in den Shopping Mals der Stadt rumlümmeln und am Abend bequem zu gegebener Frist unsere gemachten Pässe abholen. Tip Top.

Am folgenden Tag knüpften wir uns die Hauptachse Almaty – Astana vor, welche sich über eine Distanz von 1300km erstreckt und vor allem durch häufige Horrorunfälle Bekanntheit erlangte. Während der ganzen Strecke herrscht Gegenverkehr mit vorwiegend Schwertransportern auf schlechtem Untergrund. Auch Strassenbeleuchtung gibt es nicht.

DSC01360 Kopie
Almaty – Astana: 1300km Einöde

Landschaftlich auf tiefstem Niveau kämpften wir uns Kilometer für Kilometer durch die Einöde. Und irgendwie hatten wir auch bei Dämmerung immer noch keinen Platz zum Zelten gefunden und so fuhren und fuhren wir. Gabriel spürte wiedermal das Benzin in seinen Adern und setzte sich zeitweilig zum Ziel, die ganze Strecke am Stück durchzufahren. Unser Mobil läuft mittlerweile aber keine 100 mehr und erst um 4 Uhr morgens nach X-zähligen Strassen-Baustellen erreichten wir die Vororte der Hauptstadt Astana. Allgemein ist es unvorstellbar, was hier momentan in den Strassenbau investiert wird. Von circa 3000km abgefahrenen Strassen in Kasachstan waren mindestens die Hälfte in Arbeit. Zu unserem Unverständnis baut man hier auch nicht Stück für Stück, sondern alles auf einmal, was dann teils hunderte Kilometer auf Umfahrungen und Schotterpisten zur Folge hat. Bevor wir dann endlich ein Hotel aufsuchen konnten, hatten wir noch ein nettes Rendezvous mit der Polizei. Was den Papierkram und das Organisatorische betrifft, sind wir eigentlich stets vertraut mit den Vorschriften und besassen bis anhin immer die benötigten Dokumente. Trotzdem war sich der unsympathische Polizeibeamte sicher, dass wir nebst unserer Greencard irgendeine Versicherung für das Auto benötigen. Leider war ich es in der Vergangenheit meistens, der sich mit der Polizei rumschlagen musste und so war meine Geduld auch begrenzt. Nach einigen bösen Blicken und ein paar schweizerdeutschen Fluchwörtern wurde ich kurzerhand aus dem Büro geschmissen und Gabriel hatte alleine das Vergnügen. Schlussendlich konnten wir uns mit dem Polizist auf 100 Dollar einigen, eine Versicherung oder ein Quittung sahen wir aber nicht. Die Wahl bestand zwischen 150 Dollar plus Versicherung oder 100 Dollar für ihn und eine Weiterfahrt. Die Frage, wie immens wichtig eine solche Versicherung für Touristen ist, hat sich somit auch gleich erübrigt. Insofern es überhaupt eine gibt. Leider kann man sich, ausser sich grün und blau ärgern, nicht wirklich gegen solche Widrigkeiten wehren.

Mit einer etwas angesäuerten Stimmung ging es um 6 Uhr morgens ins heiss ersehnte Bett.

Nach viel Schlaf zwangen wir uns um zwei Uhr aus dem Bett um uns ein Bild von der kasachischen Hauptstadt Astana zu machen. Astana gilt als modernste Hauptstadt der Welt und als Spielwiese für den Star-Architekten Norman Forster, der übrigens in St. Moritz wohnhaft ist. Das „neue Dubai“ besticht durch seine Skyline und einen gut durchkonzeptionierten Masterplan. Berühmtestes Bauwerk ist die zeltförmige Shopping Mall von eben diesem Norman Forster. Es zählt als grösstes Zelt der Welt. Wir gaben also wiedermal den klassischen Städte-Touri, schlugen die Hände hinter dem Rücken zusammen und gaben Töne wie „Oh“ und „Ah“ von uns während wir den Fotoapparat zückten. Auf jeden Fall ein Kontrastprogramm im Gegensatz zu unserem sonstigen Alltag auf der Rally. Da Astana aber wohl das letzte derartige Ziel ist bevor es wieder in den „Schlamm“ geht, gönnten wir uns ein zweites Mal nach Ashgabat ein etwas nobleres Hotel. Erholt setzten wir am nächsten Tag zur nächsten Etappe an. Diese beinhaltete 980km zur russischen Grenze bei Semey, diesmal aber zweigeteilt. Ansonsten gibt es über diesen Abschnitt nichts zu berichten. Langweiliger und öder geht nicht mehr. Die Strassen waren wiedermal nur Baustellen voller Lastwagen und rechts und links weiteten sich Brach liegenden Felder ins Unendliche. Von Zivilisation oder grösserer Vegetation keine Spur. Man möge nun an dieser Stelle denken, dass eine solche Weite und Einsamkeit doch auch ihren Reiz hat. Nein, tut es nicht, denn der Ausblick bleibt im nächsten Strommasten hängen. Zentrale Hauptleitungen mit einer Verfächerung sind hier Fehlanzeige. Hier hat gefühlt jeder Haushalt seine eigene Anbindung zur Stromquelle. Semey selber passt dann auch perfekt in dieses Bild. Eine typische Ex-Sowjet-Stadt mit tausenden qualmenden Kaminen, welche über der riesigen Schwerindustrie türmen. Zu all dem kam, dass unsere Blattfedern das zweite Mal versagten und wir nun gezwungen sind, diese vor der Einreise in die Mongolei zu reparieren. Wahrscheinlich sind das immer noch die Nachwehen des Pamirs.

DSC01368 Kopie
Astana – das neue Dubai
DSC01369 Kopie
Die beiden 0815-Touris Roger und Gabriel
DSC01378 Kopie
Hochhaus in Astana
DSC01384 Kopie
Skyline von Astana

Abschliessend kann man sagen, dass wir ziemlich alle Staaten vor Kasachstan empfehlen würden. Kasachstan wird in irgendwelchen Ecken bestimmt ebenfalls reizendes zu bieten haben, aber in unserem Fall traf dies leider eher weniger zu. Einzig die beiden Städte Almaty und Astana waren ein Farbtupfer in der unendlichen Öde, was viel heissen muss bei unseren Reiseabsichten. Auch die Leute sind hier nicht mehr wirklich freundlich und die Freude über ein paar Pandas war begrenzt. Vielleicht ist Kasachstan ja auch etwas zu europäisch.

Ein Gedanke zu „Tag 49 – 56 (03.09. – 09.09.2015) – Kasachstan“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.